Ein Politikkreis in der Kirche

Wo gibt es denn so etwas?

Der Autor Reinhard Bayer schildert, wie es dazu kam, dass sich alle 2 Wochen 12-15 Leute aus vier verschiedenen Gemeinden in der Stadtmission Gießen zum Gesprächskreis Politik und junge Geschichte treffen.

Wie es anfing:
Ich hatte mich nach meiner beruflichen Tätigkeit bei der Stadt Gießen ehrenamtlich mitarbeitend bei der Aufstellung des ersten Altenhilfeplanes engagiert und wurde dabei von einer Leiterin einer Seniorenpflegeeinrichtung gefragt, ob ich mit ihren alten Damen und Herren nicht etwas Politisches machen könne. Das Thema Politik allein erschien mir jedoch zu trocken, um einen Gesprächskreis zu bestreiten. Mit einigen Büchern aus der CHRONIK-Reihe ersann ich das Konzept aus zwei Bausteinen, einmal die aktuelle Politik und zum zweiten die Geschichte von BRD und DDR ab 1949.

Mit sechs Personen ging es los, in der 2. Woche kamen schon 10 und kurz danach war der Raum im Altenheim, in den höchstens 15 hineinpassten, voll.

Im aktuellen Teil sprachen wir über die jeweiligen Kandidaten und Parteien bei Wahlen, Ereignisse in Gießen und Hessen sowie bundespolitisches. Besonderen Wert legte ich darauf, Themen, die in der Tagesschau- oder Heute-Sendung absehbar nur kurz angesprochen werden, möglichst zuvor schon anzusprechen. Hierdurch wollte ich das Interesse der Teilnehmer-innen wecken, diese Sendungen anzusehen und auch Tageszeitungen zu lesen.

Wo war die Milchbar?

Im Geschichtsteil wählte ich Berichte aus den Chronikbüchern aus und assoziierte diese auch mit Ereignissen aus anderen Epochen, verbunden mit politischem Grundwissen oder mit bekannten Politikern, die in Gießen lebten oder leben, z.B. Gebrüder Vogel, Steinmaier, Ramelow. Ein roter Faden war z.B. die Frauengleichberechtigung in Deutschland, dargestellt an Frauen, die in der Nähe wirkten, z.B. Elisabeth Selbert, nach der ein Gießener Frauenverein benannt ist.

Die Nachkriegsjahre, Flüchtlinge und Vertreibung waren die sehr ernsthaften Themen, bei denen die Teilnehmer-innen immer wieder Ereignisse aus ihrer Biographie erzählten. Hier war es für mich von Vorteil, ein breites Wissen aus meinem Studium und von meinen Eltern über diese Ereignisse zu haben. Mit Hilfe einer Schultafel ließen sich Lebenswege – biographische Orte/Stationen – übersichtlich zeichnerisch darstellen. „Erinnern ohne zu verletzen“ war meine Aufgabe: „Wie sind Sie damals da rausgekommen…?“ war oft meine Frage. Alles in allem bestätigte ich ihnen ihre Lebensleistung beim Aufbau von BRD und DDR und konnte so die gegenseitige Anerkennung und das Selbstwertgefühl stärken.

Von den Teilnehmer-innen erfuhr ich – ich kam erst 1990 nach Gießen – viel über das Gießen der 50er und 60er Jahre, z.B. die Seuchenstation, die Milchbar, mehrere Cafés, die Amerikaner usw.

Meine Frau Heidi, die 12 Jahre Beschäftigungstherapeutin in einer großen Senioreneinrichtung in Lollar war, gab mir viele Tipps für den Umgang mit den älteren Menschen. Der Gesprächskreis enthält Elemente aus den Bereichen Biographie-Arbeit –  Kognitive Aktivität – Gedächtnistraining – Geographie

In der Kirchengemeinde?

Der damalige Prediger der Stadtmission, Giselher Samen, der auch regelmäßig Gottesdienste im obigen Seniorenhaus hielt, fand die Thematik interessant und ich bot ihm an, es auch in der Stadtmission zu versuchen. Rasch fanden sich im Herbst 2013 genügend Interessierte und über Kontakte sprach sich das Angebot herum, so dass nun Leute aus vier Gemeinden teilnehmen.

Ähnlich wie im Seniorenhaus gibt es einen aktuellen Teil und einen geschichtlichen. Nachdem wir die Jahre 1949 bis 2013 mit den Büchern der Chronik-Reihe ein Mal durchgegangen sind, haben wir vor einiger Zeit mit dem Jahr 1900 begonnen und wagen uns auch an die vergangenen Weltkriege.

Auch in diesem Kreis waren die Eurokrise und vor allem die Fluchtbewegung lange Zeit Thema. Die in den Medien genannten Finanzbeträge wirken sehr monströs und ich achte sehr darauf, dass sie durch eine Umrechnung auf den Pro-Kopf-Betrag begreifbar werden. Wenn Europa einen Betrag von € 500 Millionen aufwendet, dann entspricht das pro Kopf einem einzigen Euro. Auch der Flüchtlingsstrom 2015 ließ sich mittels eines Vergleiches darstellen. 2015 kam circa 1 Flüchtling auf 100 Einwohner in Deutschland, im Jahr 1946 war es 1 Flüchtling auf 3,5 Einwohner.

Politische Zusammenhänge, Hintergründe und Aufdeckung von Phrasen, Grundwissen, Gemeinwesen, das Verhältnis von Kirche und Staat, Analysen von Flucht und Vertreibung, Biographien Prominenter z.B. Nelson Mandela, J.F. Kennedy, Egon Bahr, Generationssprünge, Wiederkehrendes, Dauerkonflikte mit Ursachen, geographische Darstellungen und natürlich auch politische Witze sorgen immer wieder für Abwechslungen in der Thematik.

Wir sind gerade im Jahr 1918 beim Ende des 1. Weltkrieges und passend zur Corona-Krise bei der damaligen Spanischen Grippe.

Meine Motivation ist, anderen etwas zu geben und ich freue mich darüber, wenn diese Freude und Interesse daran haben.

Auto: Reinhard Bayer